

EMOTIONAL RELEASE
In den meisten Fällen entsteht diese emotionale Reaktion spontan, ohne Vorinformationen meinerseits über belastende Erfahrungen und ohne dass Patienten mit der bewussten Absicht kommen, an emotionalen Themen zu arbeiten. Die wissenschaftlichen Grundlagen lassen sich durch das Verständnis des Nervensystems sowie expliziter und impliziter Erinnerungen erklären.
“Nach einem Trauma wird die Welt mit einem anderen Nervensystem erlebt, das eine veränderte Wahrnehmung von Risiko und Sicherheit hat.”
Bessel van der Kolk
The Body Keeps the Score
Um das Phänomen zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, wie der Körper belastende Erfahrungen verarbeitet. Traumatische Erlebnisse entstehen durch Ereignisse, die unsere normalen Bewältigungsstrategien überfordern und das Gefühl von Sicherheit grundlegend erschüttern. Entscheidend ist dabei nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch, welche Verarbeitungskapazitäten zum Zeitpunkt des Geschehens verfügbar waren.
Neben psychosozialen Faktoren besitzt der Organismus auch körperliche Mechanismen zur Stressverarbeitung. In der Tierwelt lässt sich beobachten, wie Tiere nach einer bedrohlichen Situation zittern oder in Schockstarre verfallen, bevor sie zur Normalität zurückkehren. Diese körperlichen Reaktionen helfen dabei, die durch Stress mobilisierte Energie wieder abzubauen. Menschen haben oft nicht den Raum, nach extremen Belastungen innezuhalten und dem Körper diese natürlichen Reaktionen zu erlauben.
Diese Übererregung des Nervensystems kann sich auch körperlich zeigen: hartnäckige Verspannungen, Verdauungsprobleme ohne erkennbare organische Ursache, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder eine erhöhte Infektanfälligkeit. Doch das Nervensystem besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung und Heilung, die Neuroplastizität genannt wird. Auch wenn sich Stressmuster über Jahre etabliert haben, können sie sich durch geeignete Ansätze wieder verändern. Der Körper "erinnert" sich nicht nur an Belastungen, sondern auch an Sicherheit und Entspannung. Mit der richtigen Unterstützung kann das Nervensystem lernen, zwischen echten Gefahren und harmlosen Situationen zu unterscheiden.
Ein Kleinkind wird von einem Hund angesprungen und erlebt große Angst. Jahre später kann sich die erwachsene Person bewusst nicht mehr an diesen Moment erinnern (explizite Erinnerung ist verschwunden). Doch sobald sie einen Hund sieht, verspannt sich ihr Körper, das Herz schlägt schneller, ein diffuses Unbehagen stellt sich ein. Der Körper erinnert sich an ein Ereignis, nicht mit Bildern, sondern mit einer starken körperlichen Reaktion. Das ist eine implizite Erinnerung.
Beispiel: Darm
Chronischer oder akuter Stress kann implizite Erinnerungen im Körper hinterlassen, mit handfesten körperlichen Folgen. Das Verdauungssystem ist hierfür ein anschauliches Beispiel.
Stellen wir uns vor: Eine Person begleitet einen schwer erkrankten Angehörigen über Wochen im Krankenhaus. Tag und Nacht, kaum Schlaf, permanente Anspannung. In dieser Zeit aktiviert der Körper sein Notfallprogramm. Das autonome Nervensystem schüttet Stresshormone aus, das Blut wird aus dem Darm in die Muskeln und ins Gehirn umgeleitet. Der Körper will funktionieren, die Verdauung ist zweitrangig. Die Darmmuskulatur verspannt sich, der Darm bewegt sich weniger, Nährstoffe werden schlechter aufgenommen. Die Atmung wird flacher, der Vagusnerv, der die Verdauung steuert, ist weniger aktiv. In dieser Situation ist das eine sinnvolle Schutzreaktion.
Jahre später ist der Angehörige vollständig geheilt. Doch bei einem wichtigen Termin oder einem Familienkonflikt zieht sich der Bauch wieder zusammen. Nicht weil die Situation objektiv gefährlich wäre, sondern weil der Körper ein altes Muster wiederholt. Er hat gespeichert, was Stress bedeutet und aktiviert diese implizite Erinnerung automatisch, ohne Rückfrage an den Verstand.
Über Zeit kann sich so ein chronisches Spannungsmuster im Bauchraum entwickeln. Betroffene leiden unter funktionellen Verdauungsbeschwerden, obwohl medizinische Untersuchungen unauffällig sind. Der Zusammenhang zur ursprünglichen Belastung bleibt meist unsichtbar. Diese impliziten Erinnerungen haben nicht nur körperliche Auswirkungen. Parallel zu den körperlichen Empfindungen treten häufig diffuse emotionale Zustände auf: unerklärliche Unruhe oder Unbehagen, ohne konkreten Grund. Das liegt daran, dass dieselben Gehirnregionen, die körperliche Stressreaktionen steuern, auch an der emotionalen Verarbeitung beteiligt sind. Körper und Emotionen reagieren über dieselben Bahnen.
Was sagt die Forschung
Bei Osteopathie denkt man zuerst an die körperlichen Auswirkungen einer Behandlung. Ein Emotional Release beschreibt allerdings eine überwiegend emotionale Auswirkung einer Behandlung. Durch die Berührung bestimmter Körperregionen, die Spannung aufweisen, können implizite Erinnerungen wie oben beschrieben aufkommen. Das könnte sich als Zittern äußern oder als Tränen, die fließen, ohne dass der Patient weiß, warum.
Die Wissenschaft beginnt erst, sich diesem Phänomen zu nähern. Hinweise liefert die Forschung zur Frage, wie Berührung überhaupt das Gehirn erreicht und somit Emotionen triggert. Bestimmte Nervenfasern in der Haut, sogenannte C-taktile Fasern, reagieren auf sanfte Berührungen und senden ihre Signale direkt zu den emotionalen Arealen des Gehirns, nicht wie sonst üblich bei sensorischen Fasern zum somatosensorischen Kortex (2). Das erklärt teilweise, warum eine osteopathische Behandlung emotionale Reaktionen auslösen kann, ohne dass die Person das erwartet oder bewusst steuert.
Eine andere Studie untersuchte Patienten mit chronischen Schmerzen mittels Kernspintomographie während einer osteopathischen Behandlung. Auch hier aktivierte sich während der Osteopathie der Bereich im Gehirn, der als Schnittstelle zwischen körperlichen Empfindungen und emotionaler Verarbeitung gilt. Der Bereich heißt Insula und spielt auch bei impliziten Erinnerungen eine Rolle. Wenn sich dieser Bereich während einer Behandlung verändert, deutet das darauf hin, dass Osteopathie nicht nur körperlich, sondern auch auf der Ebene der emotionalen Verarbeitung wirkt (1).
Eine weitere Studie mit therapeutischer Berührung konnte aufzeigen, dass sanfte manuelle Techniken die Fähigkeit verbessern können, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen. Das mag zunächst unwichtig erscheinen, ist aber ein Zeichen dafür, dass das Nervensystem genauer funktioniert. Menschen mit besserer Körperwahrnehmung können auch ihre Emotionen besser regulieren, da beides im gleichen Hirnareal verarbeitet wird (3).
Ein weiterer Faktor ist das Stressniveau des Nervensystems. Erste Pilotstudien zeigen, dass regelmäßige Behandlungen Stresshormone senken können (4). Eine systematische Übersichtsarbeit bestätigt, dass Osteopathie tendenziell stressreduzierend wirken kann (5). Ebenso konnte gezeigt werden, dass osteopathische Behandlungen die Herzrhythmus-Variabilität verbessern können, ein Maß dafür, wie flexibel das Nervensystem auf unterschiedliche Situationen reagiert (6). Weiter oben im Text wurde beschrieben, dass bei Trauma das Nervensystem übermäßig stark auf Reize reagiert oder in einer anhaltenden Wachsamkeit verharrt. Das Nervensystem weist demnach eine gewisse Starre auf. Die Datenlage ist insgesamt zwar noch begrenzt, die Richtung aber konsistent und lässt uns verstehen, dass emotionale Reaktionen in einer Behandlung nicht außergewöhnlich sind, sondern eine völlig normale Reaktion, die sich gut über das Nervensystem erklären lässt.
Die Diagnose
Das Besondere an impliziten Erinnerungen liegt darin, dass sie sich wie echte körperliche Probleme anfühlen, weil der Körper tatsächlich physisch auf gespeicherte Stressmuster reagiert. Herkömmliche medizinische Diagnostik findet jedoch oft keine strukturellen Ursachen, was sowohl Patienten als auch Therapeuten vor Herausforderungen stellt. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass nicht jedes unerklärliche Symptom traumabedingt ist, da körperliche Beschwerden meist vielfältige Ursachen haben. Osteopathie kann als unterstützende Maßnahme in einem interdisziplinären Behandlungskonzept sinnvoll sein. Bei Traumata oder psychischen Erkrankungen ist psychotherapeutische Begleitung unerlässlich. Ob eine osteopathische Behandlung für Sie geeignet ist und wie sie in Ihr Behandlungskonzept passt, besprechen wir gerne gemeinsam.

EMOTIONAL RELEASE
In den meisten Fällen entsteht diese emotionale Reaktion spontan, ohne Vorinformationen meinerseits über belastende Erfahrungen und ohne dass Patienten mit der bewussten Absicht kommen, an emotionalen Themen zu arbeiten. Die wissenschaftlichen Grundlagen lassen sich durch das Verständnis des Nervensystems sowie expliziter und impliziter Erinnerungen erklären.
“Nach einem Trauma wird die Welt mit einem anderen Nervensystem erlebt, das eine veränderte Wahrnehmung von Risiko und Sicherheit hat.”
Bessel van der Kolk
The Body Keeps the Score
Um das Phänomen zu verstehen, lohnt ein Blick darauf, wie der Körper belastende Erfahrungen verarbeitet. Traumatische Erlebnisse entstehen durch Ereignisse, die unsere normalen Bewältigungsstrategien überfordern und das Gefühl von Sicherheit grundlegend erschüttern. Entscheidend ist dabei nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch, welche Verarbeitungskapazitäten zum Zeitpunkt des Geschehens verfügbar waren.
Neben psychosozialen Faktoren besitzt der Organismus auch körperliche Mechanismen zur Stressverarbeitung. In der Tierwelt lässt sich beobachten, wie Tiere nach einer bedrohlichen Situation zittern oder in Schockstarre verfallen, bevor sie zur Normalität zurückkehren. Diese körperlichen Reaktionen helfen dabei, die durch Stress mobilisierte Energie wieder abzubauen. Menschen haben oft nicht den Raum, nach extremen Belastungen innezuhalten und dem Körper diese natürlichen Reaktionen zu erlauben.
Diese Übererregung des Nervensystems kann sich auch körperlich zeigen: hartnäckige Verspannungen, Verdauungsprobleme ohne erkennbare organische Ursache, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder eine erhöhte Infektanfälligkeit. Doch das Nervensystem besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung und Heilung, die Neuroplastizität genannt wird. Auch wenn sich Stressmuster über Jahre etabliert haben, können sie sich durch geeignete Ansätze wieder verändern. Der Körper "erinnert" sich nicht nur an Belastungen, sondern auch an Sicherheit und Entspannung. Mit der richtigen Unterstützung kann das Nervensystem lernen, zwischen echten Gefahren und harmlosen Situationen zu unterscheiden.
Beispiel: Darm
Chronischer oder akuter Stress kann implizite Erinnerungen im Körper hinterlassen, mit handfesten körperlichen Folgen. Das Verdauungssystem ist hierfür ein anschauliches Beispiel.
Stellen wir uns vor: Eine Person begleitet einen schwer erkrankten Angehörigen über Wochen im Krankenhaus. Tag und Nacht, kaum Schlaf, permanente Anspannung. In dieser Zeit aktiviert der Körper sein Notfallprogramm. Das autonome Nervensystem schüttet Stresshormone aus, das Blut wird aus dem Darm in die Muskeln und ins Gehirn umgeleitet. Der Körper will funktionieren, die Verdauung ist zweitrangig. Die Darmmuskulatur verspannt sich, der Darm bewegt sich weniger, Nährstoffe werden schlechter aufgenommen. Die Atmung wird flacher, der Vagusnerv, der die Verdauung steuert, ist weniger aktiv. In dieser Situation ist das eine sinnvolle Schutzreaktion:
Jahre später ist der Angehörige vollständig geheilt. Doch bei einem wichtigen Termin oder einem Familienkonflikt zieht sich der Bauch wieder zusammen. Nicht weil die Situation objektiv gefährlich wäre, sondern weil der Körper ein altes Muster wiederholt. Er hat gespeichert, was Stress bedeutet und aktiviert diese implizite Erinnerung automatisch, ohne Rückfrage an den Verstand.
Über Zeit kann sich so ein chronisches Spannungsmuster im Bauchraum entwickeln. Betroffene leiden unter funktionellen Verdauungsbeschwerden, obwohl medizinische Untersuchungen unauffällig sind. Der Zusammenhang zur ursprünglichen Belastung bleibt meist unsichtbar. Diese impliziten Erinnerungen haben nicht nur körperliche Auswirkungen. Parallel zu den körperlichen Empfindungen treten häufig diffuse emotionale Zustände auf: unerklärliche Unruhe oder Unbehagen, ohne konkreten Grund. Das liegt daran, dass dieselben Gehirnregionen, die körperliche Stressreaktionen steuern, auch an der emotionalen Verarbeitung beteiligt sind. Körper und Emotionen reagieren über dieselben Bahnen.

Was sagt die Forschung
Bei Osteopathie denkt man zuerst an die körperlichen Auswirkungen einer Behandlung. Ein Emotional Release beschreibt allerdings eine überwiegend emotionale Auswirkung einer Behandlung. Durch die Berührung bestimmter Körperregionen, die Spannung aufweisen, können implizite Erinnerungen wie oben beschrieben aufkommen. Das könnte sich als Zittern äußern oder als Tränen, die fließen, ohne dass der Patient weiß, warum.
Die Wissenschaft beginnt erst, sich diesem Phänomen zu nähern. Hinweise liefert die Forschung zur Frage, wie Berührung überhaupt das Gehirn erreicht und somit Emotionen triggert. Bestimmte Nervenfasern in der Haut, sogenannte C-taktile Fasern, reagieren auf sanfte Berührungen und senden ihre Signale direkt zu den emotionalen Arealen des Gehirns, nicht wie sonst üblich bei sensorischen Fasern zum somatosensorischen Kortex (2). Das erklärt teilweise, warum eine osteopathische Behandlung emotionale Reaktionen auslösen kann, ohne dass die Person das erwartet oder bewusst steuert.
Eine andere Studie untersuchte Patienten mit chronischen Schmerzen mittels Kernspintomographie während einer osteopathischen Behandlung. Auch hier aktivierte sich während der Osteopathie der Bereich im Gehirn, der als Schnittstelle zwischen körperlichen Empfindungen und emotionaler Verarbeitung gilt. Der Bereich heißt Insula und spielt auch bei impliziten Erinnerungen eine Rolle. Wenn sich dieser Bereich während einer Behandlung verändert, deutet das darauf hin, dass Osteopathie nicht nur körperlich, sondern auch auf der Ebene der emotionalen Verarbeitung wirkt (1).
Eine weitere Studie mit therapeutischer Berührung konnte aufzeigen, dass sanfte manuelle Techniken die Fähigkeit verbessern können, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen. Das mag zunächst unwichtig erscheinen, ist aber ein Zeichen dafür, dass das Nervensystem genauer funktioniert. Menschen mit besserer Körperwahrnehmung können auch ihre Emotionen besser regulieren, da beides im gleichen Hirnareal verarbeitet wird (3).
Ein weiterer Faktor ist das Stressniveau des Nervensystems. Erste Pilotstudien zeigen, dass regelmäßige Behandlungen Stresshormone senken können (4). Eine systematische Übersichtsarbeit bestätigt, dass Osteopathie tendenziell stressreduzierend wirken kann (5). Ebenso konnte gezeigt werden, dass osteopathische Behandlungen die Herzrhythmus-Variabilität verbessern können, ein Maß dafür, wie flexibel das Nervensystem auf unterschiedliche Situationen reagiert (6). Weiter oben im Text wurde beschrieben, dass bei Trauma das Nervensystem übermäßig stark auf Reize reagiert oder in einer anhaltenden Wachsamkeit verharrt. Das Nervensystem weist demnach eine gewisse Starre auf. Die Datenlage ist insgesamt zwar noch begrenzt, die Richtung aber konsistent und lässt uns verstehen, dass emotionale Reaktionen in einer Behandlung nicht außergewöhnlich sind, sondern eine völlig normale Reaktion, die sich gut über das Nervensystem erklären lässt.
Die Diagnose
Das Besondere an impliziten Erinnerungen liegt darin, dass sie sich wie echte körperliche Probleme anfühlen, weil der Körper tatsächlich physisch auf gespeicherte Stressmuster reagiert. Herkömmliche medizinische Diagnostik findet jedoch oft keine strukturellen Ursachen, was sowohl Patienten als auch Therapeuten vor Herausforderungen stellt. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass nicht jedes unerklärliche Symptom traumabedingt ist, da körperliche Beschwerden meist vielfältige Ursachen haben. Osteopathie kann als unterstützende Maßnahme in einem interdisziplinären Behandlungskonzept sinnvoll sein. Bei Traumata oder psychischen Erkrankungen ist psychotherapeutische Begleitung unerlässlich. Ob eine osteopathische Behandlung für Sie geeignet ist und wie sie in Ihr Behandlungskonzept passt, besprechen wir gerne gemeinsam.
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